Der ehemalige Intendant und Festivalmacher Manfred Beilharz hat seinen künstlerischen Vorlass der Landeshauptstadt Wiesbaden übergeben. Kulturdezernent Dr. Hendrik Schmehl und Stadtarchivleiter Dr. Peter Quadflieg unterschrieben am 22. Januar die Schenkungsverträge. Mehr als dreißig Kisten mit Dokumenten aus über fünf Jahrzehnten Theaterarbeit sollen künftig im Stadtarchiv aufbewahrt werden.
Übergabe und Bestand
Bei der Unterzeichnung im Kulturdezernat am Schillerplatz würdigte Dr. Hendrik Schmehl die Entscheidung Beilharzs, den Nachlass der Stadt anzubieten. Dr. Peter Quadflieg betonte den materiellen und historischen Wert der Überlieferung. Zum Vorlass gehören Programmhefte, Fotos, Spielzeitprogramme, Inszenierungsentwürfe, Briefe und Presseauschnitte. Die Materialien decken nicht nur die Intendanz in Wiesbaden ab, sondern dokumentieren auch internationale Gastspiele und Festivals.
Stationen einer langen Karriere
Manfred Beilharz, gebürtig aus Böblingen, begann seine Laufbahn nach Studien in Germanistik, Rechtswissenschaft und Theaterwissenschaft sowie einer Promotion im Theater und Urheberrecht als Regieassistent an den Kammerspielen in München. 1967 wurde er Oberspielleiter und Chefdramaturg am Westfälischen Landestheater in Castrop Rauxel. Mit 30 Jahren übernahm er die erste Intendanz am Landestheater Tübingen. Weitere Stationen waren Freiburg, Kassel und Bonn. In Bonn war Beilharz zunächst Intendant des Schauspiels und ab 1997 Generalintendant des zusammengeführten Theaters der Bundesstadt Bonn. 2002 wechselte er an das Hessische Staatstheater Wiesbaden, das er über ein Jahrzehnt leitete. Nach weiteren Umzügen lebte Beilharz zuletzt wieder in Wiesbaden.
Festivalgründer und internationale Ausrichtung
Beilharz prägte sein Programm durch eine ausgeprägte internationale Perspektive. 1992 gründete er zusammen mit Tankred Dorst in Bonn die Biennale Neue Stücke aus Europa, die in Wiesbaden fortgesetzt wurde und als wichtiges Forum für Gegenwartsdramatik gilt. Schon früher hatte er unter anderem das Theaterfestival Freiburg, das Festival Spielräume zur documenta 8 und das Festival Theater im Aufbruch mit Fokus auf sowjetisches Theater nach Perestrojka und Glasnost initiiert. Außerdem war er von 2002 bis 2008 Präsident des Internationalen Theaterinstituts der Unesco und ist heute dessen Ehrenpräsident.
Bedeutung des Vorlasses
Dr. Beilharz machte deutlich, dass der Nachlass ein Bild seiner überregionalen und internationalen Arbeit zeichne. Er verwies auf Gastspiele des Hessischen Staatstheaters in China und in vielen europäischen Ländern. Dr. Quadflieg hob hervor, dass gerade die Vielfalt der Schriftstücke und Fotos den besonderen Wert des Bestandes ausmache. Die Unterlagen sollen künftigen Forschungen zur Entwicklung internationaler Festivalnetzwerke und zur Institutionengeschichte dienen.
Persönliche Erinnerungen
Zur Vertragsunterzeichnung brachte Beilharz ein besonderes Erinnerungsstück mit: ein Schofar, ein altes israelisches Blasinstrument. Es war ein Geschenk der damaligen Intendantin der New Israeli Opera in Tel Aviv, Hanna Munitz, nach einer Zusammenarbeit an Alban Bergs Wozzeck. Die Produktion wurde 2005 in Tel Aviv unter der musikalischen Leitung von Asher Fisch gespielt und zog unter anderem die Aufmerksamkeit des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler auf sich. Beilharz sagte bei der Übergabe, seine Theaterarbeit sei stets von regionalen Bezügen und internationaler Öffnung geprägt. Angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen appellierte er am Schluss der kleinen Feier an einen verstärkten kulturellen Austausch auf internationaler Ebene.
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